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G+G 09/16: Etikettenschwindel

Warum die Arzneireform nicht hält, was sie verspricht

Cover G+G 09/16

Die Pharmaindustrie möchte ihre Preise für Arzneimittel am liebsten verschleiern. Damit stößt sie bei der Politik auf offene Ohren. Und das, obwohl geheime Preise dem Wettbewerb zwischen den Herstellern schaden und die Beitragszahler belasten. Angesichts dessen kommt der Titel des "Gesetzes zur Stärkung der Arzneimittelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung" (AM-VSG) doch sehr weichgespült daher. Die Septemberausgabe des AOK-Forums "Gesundheit und Gesellschaft" (G+G) analysiert eines der letzten großen Reformvorhaben der Großen Koalition.

Zu diesen Projekten zählt auch eine Reform der Hilfs- und Heilmittelversorgung, ebenfalls eins dieser "Stärkungsgesetze". Auch das ist Thema, genauso wie die Krankenhausstrukturreform, die zwar schon vor Jahresfrist beschlossen wurde, aber deren Umsetzung nicht so recht vorankommt.

Im Interview mit G+G erklärt Sigrid Müller-Zenner, wie sehr ein Krankenhausaufenthalt Menschen mit Demenz durcheinanderbringt und vor welchen Herausforderungen Kliniken stehen. Müller-Zenner ist Demenzbeauftragte am Vinzenzkrankenhaus in Hannover. Das Krankenhaus erhielt im Juni 2016 für sein Engagement einen Preis der Alzheimer Gesellschaft Niedersachsen.

Außerdem: Wie PAULI, das Reha-Konzept von AOK und Deutscher Rentenversicherung, psychisch belastete Arbeitnehmer frühzeitig auffängt.

Therapie mit Stolperfallen

Foto: Bernd Faehrmann

Bernd Faehrmann

7,7 Milliarden Euro hat die gesetzliche Krankenversicherung im Jahr 2015 für Hilfsmittel ausgegeben. Ein Plus von über 22 Prozent im Vergleich zu 2011. Ein Mittel gegen die Kostenexplosion sind Ausschreibungen. "Das hat die Preise um über 50 Prozent gesenkt, ohne dass sich die Qualität der Versorgung verschlechterte oder Versicherte sich beschwerten", bilanziert AOK-Experte Bernd Faehrmann. Er leitet die Abteilung Arznei-, Heil- und Hilfsmittel im AOK-Bundesverband. Die mit einem neuen Vertrag verbundenen Herausforderungen, etwa bei der Umstellung bereits versorgter Versicherter auf jenen Anbieter, der die Ausschreibung gewonnen hatte, würden nach einer Lernphase zunehmend professionell gemeistert. Gleichzeitig fordert Faehrmann eine Aktualisierung des veralteten Hilfsmittelverzeichnisses und empfiehlt, die unterschiedlichen Zuzahlungsregelungen für Hilfsmittel der Kranken- und der Pflegeversicherung zu vereinheitlichen.

Im Unterschied zum Hilfsmittelbereich hat der Gesetzgeber die Heilmittelversorgung jüngst mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) grundlegend reformiert. Erneute Reformen hält Faehrmann nicht nur deshalb für kontraproduktiv. "Die Branche floriert. Die Heilmittelpraxen verzeichneten seit 2009 einen Anstieg um fast zwölf Prozent, die GKV-Ausgaben um 39 Prozent. Trotzdem wollen Therapeuten mehr Geld", kritisiert er. Höhere Vergütungen und ein Mehr an Eigenständigkeit ohne entsprechende Mehrleistung und wirtschaftliche Verantwortung seien nicht überzeugend.

Vom Heim zum Quartier

Foto: Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt

Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt

Der Grundsatz "ambulant vor stationär" ist für Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt mehr als nur eine gesundheitspolitische Vorgabe. "Wir sprechen dem Menschen das Grundrecht auf Teilhabe, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit zu. Seit der Französischen Revolution - unter dem Leitgedanken der Freiheit, Gleichheit und Solidarität - hat der Staat diese Grundrechte zu gewährleisten", verweist der Vorstandvorsitzende des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) auf die rechtsphilosophischen Wurzeln dieses Grundsatzes.

Im G+G-Einwurf formuliert der Bochumer Sozialwissenschaftler daraus klare praktische Konsequenzen und plädiert bei Pflegebedürftigkeit für den Vorrang ambulanter Wohnformen. Schulz-Nieswandt nennt diesen Prozess "Ent-Hospitalisierung". Für ihn ist sie eine der Hauptvisionen einer umfassenden Inklusion. "Es geht um den Abbau der sozialen Ausgrenzung überhaupt: von der frühen Kindheit bis zur Hochaltrigkeit, der Demenzversorgung und der Kultur des Sterbens, es geht um Pflegebedürftigkeit oder um sozio-ökonomische Armut."