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G+G 07-08/16: Fischen mit feinem Netz

Warum Krebs-Screenings zu Überdiagnostik führen können

Cover G+G 07-08/16

Lange Zeit galten Früherkennungsuntersuchungen als Königsweg im Kampf gegen bösartige Tumoren. Doch die begründeten Zweifel wachsen. Prof. Dr. Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen zieht im AOK-Forum "Gesundheit und Gesellschaft" (G+G) eine kritische Zwischenbilanz. "Screenings bringen nicht nur Segen. Unnötige Therapien sind die Kehrseite der Medaille", schreibt der Internist. Die Zahlen jedenfalls bestätigten nicht zwingend einen positiven Zusammenhang zwischen Screening und Sterberate. "So sinkt die Brustkrebssterblichkeit in allen Ländern mit guten Gesundheitssystemen unabhängig von der Existenz von Screening-Programmen", begründet Schmacke seine Zweifel.

Beim PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs bestehe eine ähnliche Problematik. Jener Test werde in den USA vermutlich am intensivsten beworben. Die Häufigkeit der Todesfälle durch Prostatakrebs habe sich aber praktisch nicht verändert. Schmacke mahnt deshalb zur Besonnenheit, zumal wegen des Risikos schwerer Nebenwirkungen bei der Behandlung von Prostatakrebs wie Inkontinenz und Impotenz.

Außerdem geht es in der G+G-Sommerausgabe um "Krankenpflege auf Rädern" und wie die häusliche Krankenpflege Klinikaufenthalte verkürzen kann. Die sächsische Sozialministerin Barbara Klepsch spricht über mehr Geld für Pflegekräfte, bessere Arbeitsteilung zwischen Kliniken und unkonventionelle Projekte für eine gute Medizin auf dem Land. Und: Wie der Verein Kinderlotse Eltern von schwer kranken Kinder hilft, den Alltag zu bewältigen.

"Teilzeit auch für Oberärzte"

Foto: Prof. Dr. Dr. Bettina  Pfleiderer

Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer

Seit Juli 2016 ist Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer Präsidentin des Weltärztinnenbundes. Für die kommenden drei Jahre wird die Mutter von zwei Töchtern die Organisation führen. "Mir geht es um die Bedürfnisse der jüngeren Ärztegeneration. Work-Life-Balance, Teilzeitarbeit und ähnliches", beschreibt Pfleiderer im G+G-Interview die Ziele ihrer Amtszeit. "Wenn mehr Frauen Medizin studieren, bleibt es nicht aus, dass sie auch Führungspositionen übernehmen. Krankenhäuser haben jetzt schon Probleme, ihre Stellen adäquat zu besetzen. Sie müssen als Arbeitgeber für Frauen und Männer attraktiver werden, Strukturen verändern, auf die Bedürfnisse der jüngeren Generation eingehen."

Dass das auch so passiert, ist auch im 21 Jahrhundert immer noch nicht sicher. Da unterscheidet sich der Arztberuf kaum von anderen Branchen: "Viele Frauen tun sich schwer damit, weil sie dann einem großen Druck ausgesetzt sind. Wenn sie in Führungspositionen eigene Meinungen vertreten, heißt es leicht: Die ist zickig. Wir setzen uns im Weltärztinnenbund deswegen auch dafür ein, dass Ärztinnen bei Gesundheitsthemen ihre Perspektive einbringen können."

Die unterschiedliche Perspektive spielt seit je her eine wichtige Rolle im Berufsleben von Bettina Pfleiderer, insbesondere die von Frauen und Männern. Gendermedizin gehöre in die ärztliche Fort- und Weiterbildung, fordert sie und räumt gleich mit ein paar Vorurteilen auf.  "Beim Stichwort Gender denken die meisten an Gleichberechtigung. Es ist aber nicht das, was die Gendermedizin beschäftigt. Wir erforschen, wie wir Männer und Frauen besser behandeln können, indem wir die Ursachen ihrer Erkrankungen verstehen."

Wegbereiter der Inklusion

Foto: Dr. Bernhard Conrads

Dr. Bernhard Conrads

Die Paralympics, also die Olympischen Spiele für Sportler mit Behinderung, sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Wettkampfkalenders. Auch in diesem Jahr werden direkt im Anschluss an die Olympischen Spielen, tausende Sportler in Rio de Janeiro zusammenkommen. Ihre Olympischen Spiele , die sogenannten Special Olympics, beendet haben bereits 4.800 Athletinnen und Athleten mit geistigen Einschränkungen. Aber trotz offizieller Anerkennung  durch das Internationale Olympische Komitee waren sie nicht in Rio, sondern in Hannover – Maschsee statt Copacabana.

Dennoch haben die Special Olympics den Paralympics eines voraus. "In den meisten der bei Special Olympics Deutschland betriebenen 26 Sportarten gibt es Unified Sport Teams, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam trainieren und an Wettbewerben teilnehmen", schreibt der erste Vizepräsident der Special Olympics Deutschland, Dr. Bernhard Conrads, im G+G-Einwurf. Das Sportfest helfe, Vorurteile abzubauen und die Inklusion zu fördern, ebenso wie das Programm „Gesunde Athleten“. Darin können sich Sportlerinnen und Sportler von medizinischen Fachkräften abseits des Trainings und der Wettkämpfe durchchecken lassen. "Dieses niedrigschwellige Angebot erleichtert vielen den Weg zum Haus- oder Facharzt im Heimatort", weiß Conrads. Und er weiß auch, „dass im Sport das gleichberechtigte und gleichwertige Miteinander unterschiedlicher Menschen gelingen kann."