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G+G 01/16: Wünsche für den Wettbewerb

20 Jahre freie Kassenwahl – eine kritische Bilanz

Titelbild: G+G 01/16

Vier von fünf Krankenkassen sind in den vergangenen 20 Jahren verschwunden. Von ehemals 642 Kassen 1996 gibt es aktuell, zu Beginn des Jahres 2016, noch 118. Genauso lange, seit 1996, dürfen alle gesetzlich Versicherten ihre Krankenkasse frei wählen. Professor Klaus Jacobs, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), blickt in der Titelgeschichte des AOK-Forums "Gesundheit und Gesellschaft" (G+G) ein wenig ernüchternd zurück auf die vergangenen zwei Jahrzehnte:  "Die ausgelöste Wettbewerbsorientierung ist bis heute unvollkommen geblieben", schreibt er. Zu oft sei es fast nur um die Beitragshöhe, also den Preis gegangen. Jacobs wünscht sich einen konsequenten Wettbewerb um gute Versorgung und bleibt dabei optimistisch: "In der 130-jährigen Geschichte der GKV kommt es wohl auf zehn Jahre mehr oder weniger auch nicht an." Weitere Themen in der Januarausgabe sind 30 Jahre Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen, der Deutsche Pflegetag 2016 und eine Reportage über den Kampf gegen Kinderlähmung in Indien.

Zu viel Süßes stößt sauer auf

Foto Dr. Kai Kolpatzik

Dr. Kai Kolpatzik

Der Schein trügt: Müsli, Joghurt oder Smoothies sind nicht per se gesund. Oft enthalten diese vermeintlich „guten“ Lebensmittel zusätzlichen Zucker. Das gilt im Übrigen für rund 80 Prozent aller Lebensmittel. Das ist aus medizinischer Sicht nicht nur ungesund, sondern auch teuer. Auf jährlich etwa 70 Milliarden Euro werden die Kosten ernährungsbedingter Erkrankungen in Deutschland beziffert. Die Briten haben schon längst mit einer Anti-Zucker-Strategie reagiert. Ob und wie das in Deutschland funktionieren könnte, erklärt Dr. Kai Kolpatzik, Abteilungsleiter Prävention im AOK-Bundeverband. Fachleute, unter anderem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) halten die Reduktion von zugesetztem Zucker für sehr wirkungsvoll. Beim Verzehr von natürlichem Zucker in Obst, Gemüse und Milch haben Forscher hingegen bisher keine negativen Folgen nachweisen können.

Soziale Praxis statt Studium

Foto Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

Der Bedarf an Pflegeprofis könnte sich bis 2050 mehr als verdoppeln, so eine Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ende 2011 lag der Bedarf noch bei knapp 700.000 Vollzeitkräften. Er könnte im Extremfall in den nächsten 35 Jahren auf bis zu 1,5 Millionen steigen. Gleichzeitig sagt das Bundesinstitut für Berufsbildung einen wachsenden Mangel an Auszubildenden und einen zunehmenden Überhang an Akademikern vorher. Der Philosophieprofessor und ehemalige Staatsminister für Kultur und Medien, Dr. Julian Nida-Rümelin, warnt deshalb vor einem Akademisierungswahn. "Ein Krankenpfleger muss viel können, aber er braucht nicht unbedingt ein Studium", formuliert er im G+G-Einblick. Die Prognosen wertet er durchaus als "dramatisch". Demnach werden bis 2030 insgesamt über vier Millionen Arbeitsplätze im Bereich nicht-akademischer Fachkräfte nicht wieder besetzt werden können.