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Selbsthilfe

Multikulti in der Selbsthilfe: AOK will Gesundheitskompetenz von Zuwanderern stärken

Foto: Selbsthilfetagung 2016 - Podium

Auf dem Podium v.l.: Derya Karatas, Aynur Celikdöven, Prof. Dr. Hajo Zeeb,
Hans-Bernhard Henkel-Hoving, Azra Tatarevic, Nurten Ataman

(28.11.16) In Deutschland leben mehr als 17 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – das ist etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Untersuchungen zeigen, dass sie nicht in gleichem Maße vom Gesundheitswesen profitieren wie die einheimische Bevölkerung. Die AOK setzt sich dafür ein, dass sich dies ändert: "Wir wollen Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zum Gesundheitswesen und zu Angeboten der Prävention, Selbsthilfe und Pflege erleichtern", kündigte Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, auf der Selbsthilfe-Fachtagung am Freitag (25. November) in Berlin an. Er wies darauf hin, dass der AOK-Bundesverband gemeinsam mit der Ärztekammer Berlin und der AOK Nordost den Berliner Gesundheitspreis zum Thema "Migration und Gesundheit" ausgelobt habe. Während der Veranstaltung setzten sich etwa 130 Experten und Vertreter von Selbsthilfeorganisationen mit der Frage "Multikulti in der Selbsthilfe – nur ein Traum?" auseinander.

Umgang mit Krankheit ist kulturell geprägt

Foto: Selbsthilfetagung 2016 - Martin Litsch

Martin Litsch

"Die Selbsthilfe hat einen großen Anteil daran, dass sich die Gesundheitskompetenz von chronisch kranken und behinderten Menschen verbessert hat", lobte Claudia Schick das Engagement der Aktiven. Die Referentin für Selbsthilfe im AOK-Bundesverband bedauerte, dass chronisch kranke und behinderte Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlinge bislang deutlich seltener Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe suchen als Einheimische. Die Gründe dafür seien vielfältig: Viele Zuwanderer würden solche Angebote aus ihrer Heimat nicht kennen, könnten mit dem Begriff "Selbsthilfe" nichts anfangen oder sich nicht vorstellen, in einer Selbsthilfegruppe über ihre Krankheit oder die eines Familienmitglieds zu sprechen. Eine Rolle spiele auch, dass das Verhältnis zum eigenen Körper, zur Gesundheit und der Umgang mit Krankheit kulturell geprägt sei. So sähen manche Zuwanderer Krankheit als Schicksal an oder seien der Meinung, dass nur ein Arzt ihnen helfen könne, aber kein Laie.

Mehrsprachige Informationen

"Wir wollen ein Umdenken bewirken", erklärte Schick. Zum einen ruft die AOK Migrantenorganisationen auf, Gruppen zu gründen, zum anderen unterstützt sie Selbsthilfeorganisationen dabei, Infomaterial und Beratungsangebote auch in anderen Sprachen anzubieten und Mitstreiter aus unterschiedlichen Kulturkreisen zu gewinnen. Außerdem lädt die Gesundheitskasse Betroffene mit Migrationshintergrund ein, sich bestehenden Gruppen anzuschließen. Die AOK bietet bereits spezielle Informationen an – etwa das Zuwandererportal,  die AOK-Vorsorge-App und Faktenboxen zu Themen wie Impfen oder Krebsvorsorge in mehreren Sprachen. "Wir sind auf einem guten Weg, uns Zuwanderern zu öffnen“, resümierte Schick.

Foro: Selbsthilfetagung 2016 - Interview

Im Interview: (v.l.): Claudia Schick,
Hans-Bernhard Henkel-Hoving, Prof. Dr. Hajo Zeeb

Wie stark sind Zuwanderer aber nun tatsächlich von chronischen Krankheiten betroffen und wie ist es derzeit um ihre Gesundheitskompetenz bestellt? Diesen Fragen ist Professor Dr. Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluationen am Leipniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen, nachgegangen. Seinen Ausführungen zufolge ist die gesundheitliche Lage bei Migranten zum Teil schlechter, manchmal aber auch besser als bei der einheimischen Bevölkerung. Die Unterschiede würden zudem mit der Zeit geringer. Die Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund sei niedriger als im bundesweiten Durchschnitt; das bestätige der deutschlandweite Survey. Danach haben 71 Prozent der Zuwanderer Schwierigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen und zu verarbeiten. In der Gesamtbevölkerung trifft dies auf 55 Prozent zu. Um die Gesundheitskompetenz von Migranten zu stärken, forderte Zeeb, bereits in Kindergärten mit Gesundheitsbildung anzufangen.

Die Gründung interkultureller Gruppen fördern

Wie vielfältig Selbsthilfe bereits ist und wie stark sich die Aktiven engagieren, zeigte sich bei der Vorstellung verschiedener Projekte und Initiativen. Azra Tatarevic stellte das Projekt "Selbsthilfe und Migration“ des Selbsthilfezentrums in Berlin-Neukölln vor, das interkulturelle Gruppen bei der Gründung berät und unterstützt. Teil des Konzepts sind Fortbildungen von Multiplikatoren, die ihre Landsleute motivieren sollen, sich an der Selbsthilfearbeit zu beteiligen. Tatarevic, die 1994 vor dem Krieg in Bosnien nach Deutschland geflohen ist, gründete 2009 ihre erste Selbsthilfegruppe für traumatisierte bosnische Frauen, die von einer Psychologin begleitet wird. Die Mitglieder sprechen bei den Treffen bosnisch, sie singen, tanzen und verreisen zusammen. "Wir sind eine familiäre Gruppe geworden, das Sprechen der Muttersprache und das Miteinander geben Geborgenheit und lassen Heimatgefühle wach werden", erzählte Tatarevic. Mittlerweile moderiert sie insgesamt sechs Selbsthilfegruppen, darunter zwei interkulturelle Gruppen mit Teilnehmern aller Nationalitäten, in denen deutsch gesprochen wird.

Materialien zur Selbsthilfe-Fachtagung 2016

Projektleiterin Nurten Ataman, Zühal Karatas und Detlev Fronhöfer, Referent für Selbsthilfe bei der AOK Nordost, berichteten über den Verein „InterAktiv“. Ende 2011 von Sevgi Bozdag gegründet, unterstützt der Verein Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen sowie deren Familien. Ein Großteil der Betreuten ist türkischstämmig. Der Verein, in dem sich mittlerweile sieben hauptamtliche und etwa 30 ehrenamtliche Mitarbeiter engagieren, hat bereits mehrere Selbsthilfegruppen und Projekte initiiert – von der türkischsprachigen Mütter- und Vätergruppe bis hin zu den Selbsthilfegruppen Epilepsie, Autismus Spektrum, Down-Syndrom und Multiple Sklerose. Höhepunkt des Jahres ist eine Reise, die aus den Einnahmen des Sommerfestes finanziert wird – für einige Familien mit behinderten Kindern die einzige Möglichkeit, einmal gemeinsam zu verreisen.

Menschen aller Nationalitäten engagieren sich

"Weg der Hoffnung“ - so heißt der gemeinnützige Verein für krebskranke Kinder und deren Familien, den Aynur Celikdöven 2001 in Oberhausen gegründet hat. Selbst betroffen, wollten sie und ihr Mann krebskranke Kinder und ihre Familien seelisch und finanziell unterstützen. "Wir haben mit fünf Leuten angefangen, jetzt sind wir 160, darunter viele Deutsche, Türken und Menschen anderer Nationalitäten", sagt Celikdöven. Die Ehrenamtlichen besuchen regelmäßig die Kinderkrebsstation der Essener Uniklinik, hören sich dort die Sorgen der Patienten und ihrer Angehörigen an. Sie organisieren Typisierungsaktionen, versuchen, letzte Wünsche der Kinder zu erfüllen und unternehmen Ausflüge und Reisen. "Die Arbeit ist sehr schwer", sagt Celikdöven, "aber wir sind glücklich, wenn wir Eltern und Kinder einmal lächeln sehen."

Besser vernetzen und mehr informieren

Foto: Selbsthilfetagung 2016 - Diskussion mit Teilnehmern

Engagierte Teilnehmer dikutieren mit

Aber klappt "Multikulti in der Selbsthilfe" nun - oder ist es nur ein Traum? Wie lässt sich interkulturelle Selbsthilfe ausbauen? Während der Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass sich die einzelnen Gruppen mehr öffnen und noch besser mit anderen Initiativen und Verbänden vernetzen müssten. "Man sollte von Anfang an zusammenarbeiten und nicht ausgrenzen. Das setzt natürlich Vertrauen voraus", brachte es Derya Karatas auf den Punkt. Sie hat in Berlin-Kreuzberg eine Gruppe für pflegende Angehörige initiiert. Die Mitglieder stammen aus türkischen Familien, treffen sich regelmäßig und tauschen sich aus. "In der Selbsthilfe lernt man Leute kennen, die das gleiche Problem haben; das schweißt zusammen", sagt Karatas.

In der Diskussion zeigte sich aber auch, dass es zum Teil an Informationen darüber mangelt, welche Unterstützung Selbsthilfegruppen erhalten können. "Wir müssen uns besser vernetzen, mehr informieren und Orte aufsuchen, an denen Migranten sich treffen. Auch wir in der AOK müssen uns noch stärker auch auf die Bedürfnisse von Migranten konzentrieren und sie mit ins Boot nehmen. Bundesorganisationen der Selbsthilfe sollten sich stärker den Gruppen der Migranten gegenüber öffnen und sie in ihre Strukturen integrieren. Damit ausländische Betroffene genau die gleichen aktuellen Informationen zu ihren Erkrankungen erhalten wie deutsche und auch ihre Interessen politisch Gewichtung bekommen", lautete das Fazit von AOK-Expertin Schick.