vorlesen

Dossierstempel

Cannabis als Medikament – AOK mahnt zur Vorsicht

Foto: Cannabis und Pillen

Seit März 2017 können Ärztinnen und Ärzte Cannabis-Präparate auf Kosten der Krankenkassen verschreiben, selbst wenn diese keines der üblichen Zulassungsverfahren durchlaufen haben. Möglich wurde das durch die Reform des Betäubungsmittelgesetzes. Die Zahl der mit Cannabis behandelten Patienten ist seither deutlich gestiegen. Allein bei den AOKs gingen bundesweit knapp 9.700 Anträge ein, rund 64 Prozent davon wurden positiv beschieden (Stand Mai 2018). Dr. Bettina Dubbick, Referentin für Arzneimittel beim AOK-Bundesverband, mahnt zur Vorsicht: "Für einen breiten Einsatz von Cannabis mangelt es nach wie vor an Belegen zur Wirksamkeit und Sicherheit."

Cannabis ist in Europa die am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Ihre Inhaltsstoffe können Rauschzustände auslösen, und ein intensiver Gebrauch kann in die Abhängigkeit führen, insbesondere wenn Cannabis geraucht oder inhaliert wird. Einzelne Studien legen aber auch nahe, dass die Cannabinoide eine medizinische Wirkung haben. Für einige wenige Diagnosen stehen dem Arzt Fertigarzneimittel zur Verfügung, die im Rahmen der jeweiligen Zulassung verschrieben werden dürfen: Das Spray Sativex bessert beispielsweise  die Krampfsymptomatik bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS), die Kapseln Canemes mildern bei Krebspatienten Übelkeit und Erbrechen nach einer Chemotherapie. Wer Cannabis jedoch für andere Erkrankungen verwenden will, musste dies vor der Gesetzesreform bei der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beantragen. Mit einem positiven Bescheid konnte der Patient dann Cannabis legal in einer Apotheke beziehen – allerdings auf eigene Kosten. Rund 1.060 Ausnahmegenehmigungen waren 2016 über alle Kassen hinweg erteilt worden.

Cannabis-Einsatz nur bei Fehlen einer Therapiealternative

Dieses Vorgehen ist mit der Reform des "Gesetzes zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" im Frühjahr 2017 überholt. Ärzte schwerkranker Patienten können seitdem Cannabis einsetzen, wenn sie es für medizinisch sinnvoll erachten und die gesetzlichen Voraussetzungen gegeben sind. Eine Zulassung der cannabis-haltigen Arzneimittel ist nicht erforderlich. Voraussetzung ist jedoch, dass es keine Therapiealternativen gibt beziehungsweise zur Anwendung kommen können und deutliche Aussichten auf einen positiven Verlauf bestehen. Vor Beginn der Behandlung mit Cannabis muss bei der Krankenkasse ein Antrag gestellt werden. Die Krankenkasse prüft dann, ob die Voraussetzungen für den Leistungsanspruch gegeben sind.

Zwischenzeitlich haben die Kassen ein Prüfverfahren aufgebaut, in dem sie jeden Einzelfall, häufig in Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, begutachten. Im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) darf sich das Genehmigungsverfahren nicht länger als drei Tage hinziehen, in allen anderen Fällen kann es jedoch bis zu fünf Wochen dauern. Der GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kalkulierten die zusätzlichen Kosten für 2017 auf rund 18 Millionen Euro. Ursprünglich war der Gesetzgeber von 647 Patienten pro Jahr sowie von zusätzlichen Kosten in Höhe von 156.000 Euro ausgegangen.

Cannabis hat nicht wie andere Arzneimittel ein Zulassungsverfahren durchlaufen

"Die intensive öffentliche Berichterstattung hat bei den Patienten überzogene Erwartungen geweckt, wann eine Cannabis-Therapie auf Rezept möglich ist", sagt AOK-Referentin Dubbick. Die AOK-Genehmigungsquote liegt bei 64 Prozent. "Das ist hoch für eine Therapie, für die bis heute keine ausreichende Evidenz vorliegt und die bis auf wenige Ausnahmen keines der üblichen Zulassungsverfahren durchlaufen hat", sagt sie. Aus ihrer Sicht sind auch die Ärzte intensiver aufzuklären, damit sie eine fundierte Therapieentscheidung treffen können und nicht nur dem Druck des Patienten nachgeben. Besonders in den ersten Monaten seien die Anträge häufig unzureichend begründet oder unvollständig gewesen. Doch auch heute ist die Qualität der Anträge noch sehr unterschiedlich.

Auch das Gesetz selbst hat laut Dubbick einige Schwächen. Beispielsweise sei völlig unklar, was als „schwerwiegende Symptomatik“ einzustufen ist. „Die unklaren und oft abstrakten Formulierungen erschweren für alle Beteiligten die Umsetzung“, sagt sie. Skeptisch bewertet die Pharmazeutin auch den Nutzen der Begleiterhebung, die mit der Reform auf den Weg gebracht worden ist. Im Fall einer Cannabis-Therapie sind die begleitenden Ärztinnen und Ärzte dazu verpflichtet, über fünf Jahre hinweg den Verlauf der Behandlung anonymisiert an das BfArM zu melden. So soll die nötige Datenbasis geschaffen werden, um langfristig über eine dauerhafte Leistungspflicht der Krankenkassen zu entscheiden. „Um den Stellenwert von Cannabis in der Medizin objektiv bewerten zu können, brauchen wir jedoch dringend zusätzlich hochwertige und aussagekräftige Studien“, sagt Dubbick.


Zur Übersichtseite des Dossiers Arzneimittel