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Versorgung mit Zytostatika: AOK-Verträge setzen Maßstäbe

Foto: Zytostatika-Zubereitung

Im Zuge des Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetzes (AMVSG) hat die Große Koalition die Ausschreibung von Verträgen zur Versorgung mit Zytostatika wieder verboten. Der AOK Bundesverband hatte das scharf kritisiert und vor erheblichen Qualitätseinbußen gewarnt. Die AOK-Gemeinschaft hatte mit den Zxtostatika-Ausschreibungen bis dahin überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Schwere Betrugsfälle wie der eines Apothekers aus Bottrop 2017 hätten, wenn nicht unbedingt verhindert, so doch frühzeitiger aufgedeckt werden können, betont Sabine Richard, Geschäftsführerin Versorgung beim AOK-Bundesverband im Interview mit der Online-Redaktion der Deutschen Apotheker-Zeitung.

Alle Apotheken, die an den AOK-Verträgen zur Zytostatika-Versorgung teilgenommen hatte, hatten diese Aufgabe auch schon vor der Ausschreibung übernommen. Die AOK-Vertragspartner waren also keine Anfänger, sondern Fachleute auf dem Gebiet der Zytostatika-Herstellung kannten und kennen sich grundsätztlich mit der Versorgungssystematik aus. Als Vertragspartner kamen nur Apotheken in Frage, die für die Versorgung gesetzlich versicherter Patienten mit parenteralen Zubereitungen in der Onkologie zugelassen sind. Die Regeln der AOK-Ausschreibungen sichern ein höheres Qualitäts- und Versorgungsniveau bei Zytostatika-Zubereitungen als in der Regelversorgung.

Die wichtigsten Unterschiede – eine Gegenüberstellung

RegelversorgungAOK-Vertrag
QualitätssicherungEs gibt keine zeitlichen oder räumlichen Vorgaben für eine Ad-hoc-Belieferung oder einen Notfallplan für den Fall, dass die zugesicherte Herstellung des Krebsmedikaments nicht möglich ist. Ärzte müssen sich gegebenenfalls selbst absichern oder die Therapien umplanen. Beides führt zu erheblichem Mehraufwand, Verzögerungen und zu einer schlechteren Versorgung.Im Rahmen der Ausschreibung der Zytostatika-Zubereitungen werden strenge Qualitätskriterien vereinbart und von der bietenden Apotheke schriftlich bestätigt. Zusätzlich zu den Qualitätskriterien der Regelversorgung gelten für die AOK-Verträge weitere Regelungen wie etwa Vorgaben zur Ad-hoc-Belieferung oder die Vorlage eines Notfallplans. Die Ausschreibungskonzeption wird fortlaufend überprüft und optimiert.
Aktuell verpflichtet sich jeder AOK-Vertragspartner, nach Anforderung durch den Arzt eine Zytostatika-Zubereitung innerhalb von 45 Minuten liefern zu können. Der Arzt muss dem Apotheker allerdings 24 Stunden vorher ankündigen, dass er das Präparat voraussichtlich am nächsten Tag benötigt.
TransparenzWer kann, der darf. Apotheken haben die Möglichkeit, sich von einer anderen Apotheke mit Zytostatika-Zubereitungen beliefern zu lassen, die sie dann selbst an die Arztpraxis abgeben. In diesen Fällen rechnet die belieferte Apotheke mit den Krankenkassen ab. Hersteller und Apotheke müssen lediglich eine Betriebs- oder Herstellungserlaubnis besitzen.
Solange alle rechtlichen Voraussetzungen eingehalten werden, gibt es keine Möglichkeit, die Lieferung oder Zahlung zu unterbinden. Der Zytostatika-Markt ist aufgrund der Intransparenz sehr anfällig für Korruption. Für neue Apotheken im Markt ist es schwierig, einen Arzt als Abnehmer für ihre Zubereitungen zu finden. Wirtschaftlichkeitsreserven kommen nicht der Versichertengemeinschaft zugute.
Ein offenes Verfahren und nicht ein einzelner Arzt entscheidet über den Belieferungspartner. Alle Apotheken können sich beteiligen. Bereits vor Vertragsbeginn und der Lieferung ist transparent, welche Apotheke selber herstellt oder wo sie zukauft.
Korruption wird, wenn nicht verhindert, so zumindest erheblich erschwert. Die Ausschreibung macht die Marktpreise transparent und führt zu Einsparungen für die Krankenkassen als Treuhänder ihrer Versicherten. Zytostatika-Zubereitungen sind einer der wenigen Bereiche, in dem Arzneimittelhersteller und Apotheken die Preise frei aushandeln dürfen.
NäheDas Wahlrecht zur Belieferung übt ausschließlich der Arzt aus. Er sucht sich unter den spezialisierten Apotheken, die in diesem Markt tätig sind, die Apotheke nach eigenem Belieben aus. Dabei bleibt es ihm ebenso überlassen, ob er eine oder mehrere Apotheken wählt und ob er die nächstgelegene oder eine weit(er) entfernte wählt.
Eine AOK-Analyse hat ergeben, dass der Arzt oftmals nicht die nächstgelegene Apotheke als Vertragspartner wählt. Die Folge: zum Teil Distanzen von bis zu 500 Kilometern.
Die AOK hat bewusst die Versorgung an öffentliche Apotheken vergeben und auch nahezu flächendeckend regionale Apotheken im Vertrag. Standardisierte Regelungen zur Ad-hoc-Belieferung stärken die regionale Nähe zwischen Arzt und Apotheke. In vielen Fällen werden die Praxen wie bisher von Apotheken aus der Region beliefert.

Mehr Stabilität und Sicherheit

  • Für den Patienten ändert sich nichts an der qualitativ hochwertigen Versorgung! Die Ausschreibung betrifft nur die Bezugswege zwischen Arzt und Apotheker.
  • Der Arzt kann sich aufgrund der festen Lieferfristen und des klaren Notfallplans sicher sein, seine Patienten stets qualitativ hochwertig versorgen zu können.
  • Die Apotheken erhalten Planungssicherheit, weil sie unabhängig vom behandelnden Arzt wissen, wie viele Patienten sie versorgen. Sie sind nicht von den persönlichen Entscheidungen eines einzelnen Arztes abhängig.
  • Die Vertragspartner müssen einen Ansprechpartner benennen, der sowohl für die Krankenkasse als auch für die Arztpraxen als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Bisherige Erfahrungen

In Berlin gibt es bereits seit 2010 eine entsprechende Ausschreibung zur Versorgung mit Zytostatika-Zubereitungen. Hessen hat 2013 nachgezogen. Aus beiden Bundesländern sind keine Vorkommnisse bekannt, die zu einer Gefährdung der Versorgung der Patienten geführt hätten. Auch aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg gibt es keine Meldungen über Probleme. Beide Bundesländer sind seit 2016 mit dabei. Längere Wartezeiten für AOK-Patienten sind die seltene Ausnahme.

AOK Hessen

Eine Befragung der Vertragspartner zwischen dem 8. und 14. August 2016 zum Stand der Umsetzung der Verträge mit den 68 beteiligten Onkologen hat ergeben: In über 95 Prozent der Fälle läuft die Versorgung für beide Seiten positiv und ohne Probleme. Lediglich in drei Fällen existieren noch Missverständnisse zwischen Apotheke und Arztpraxis, die derzeit geklärt werden. So gibt es beispielsweise unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der Haltbarkeit bestimmter Zytostatikazubereitungen.

AOK Nordost

In der Mehrzahl der Gebiete haben die Verträge keinen Wechsel der Lieferapotheke bewirkt. Darüber hinaus wurde in vielen Gebieten die Versorgung durch die Verträge näher an die Ärzte herangeholt. Wo Praxen früher teilweise über weite Entfernungen und lange Wege beliefert wurden, wird jetzt direkt aus der Region geliefert. In den Gebieten, in denen die Entfernung zu den neuen Lieferapotheken als "grenzwertig" eingestuft werden könnte, hat die AOK Nordost im Vorfeld des Vertragsabschlusses um umfassende Aufklärung gebeten und sich nachvollziehbar zusichern lassen, dass die Ad-hoc-Belieferung verlässlich umgesetzt werden kann.

AOK Rheinland/Hamburg

In den beiden Losgebieten Duisburg/Hilden und Krefeld haben die Apotheken den  Vertrag gekündigt. Dieser Kündigung hat die AOK schriftlich widersprochen. Zur Sicherstellung der Versorgung ihrer Versicherten hat sich die AOK Rheinland/Hamburg entschlossen, dass die onkologischen Praxen in den beiden Gebieten die erforderlichen onkologischen Zubereitungen für ihre Patienten ab sofort über eine Apotheke ihrer Wahl beziehen können.

Die AOK Rheinland/Hamburg hat am 29. Juli 2016 der Hamburger Elb-Apotheke und seinem Geschäftsführer den Vertrag zur Versorgung mit Zytostatika im Hamburger Norden noch vor Inkrafttreten gekündigt. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Apotheker. Die Versorgung der Patienten im Hamburger Norden mit den entsprechenden Krebsmedikamenten ist weiterhin gesichert.


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