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Gesundheitskompetenz ("Health Literacy")

"Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz" vorgestellt

Nach zwei Jahren Entwicklungszeit hat ein Expertenteam am 19. Februar 2018 den "Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe übergeben. Der Leitfaden stellt eine politische Strategie vor, mit der sich die Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung verbessern soll. Hintergrund des Projekts sind repräsentative Studien, die zeigen, dass die Ausprägung entsprechender Kompetenzen hierzulande nicht nur unter dem europäischen Durchschnitt liegt, sondern auch gegenüber vergleichbaren Ländern wie Dänemark oder den Niederlanden deutlich abfällt. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Health Literacy als Gesamtheit aller kognitiven und sozialen Fähigkeiten, die Menschen motivieren und befähigen, ihre Lebensweise gesundheitsförderlich zu gestalten. Zu diesen Fähigkeiten gehören der Zugang zu, das Verstehen von und ein konstruktiver Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen. Health Literacy gilt als Schlüssel für gesundheitsförderndes Verhalten. Wenn Patienten gut informiert sind, können sie im täglichen Leben besser Entscheidungen treffen, die sich positiv auf ihre Gesundheit auswirken. 

Gesundheitskompetenz in Deutschland fördern

Experten der Universität Bielefeld und der Hertie School of Governance haben deshalb unter der Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe den "Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz" entwickelt. Die Autoren des Leitfadens schlagen eine gesamtgesellschaftliche Strategie zur besseren Entwicklung der entsprechenden Fähigkeiten in der Bevölkerung vor. Gefördert wurde das Projekt durch den AOK-Bundesverband und die Robert Bosch Stiftung.

15 Empfehlungen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz

  • Das Erziehungs- und Bildungssystem in die Lage versetzen, die Förderung von Gesundheitskompetenz so früh wie möglich im Lebenslauf zu beginnen
  • Die Gesundheitskompetenz im Beruf und am Arbeitsplatz fördern
  • Die Gesundheitskompetenz im Umgang mit Konsum- und Ernährungsangeboten stärken
  • Den Umgang mit Gesundheitsinformationen in den Medien erleichtern
  • Die Kommunen befähigen, in den Wohnumfeldern die Gesundheitskompetenz ihrer Bewohner zu stärken 

  • Gesundheitskompetenz als Standard auf allen Ebenen im Gesundheitssystem verankern 

  • Die Navigation im Gesundheitssystem erleichtern, Transparenz erhöhen und administrative Hürden abbauen
  • Die Kommunikation zwischen den Gesundheitsprofessionen und Nutzern verständlich und wirksam gestalten
  • Gesundheitsinformationen nutzerfreundlich gestalten
  • Die Partizipation von Patienten erleichtern und stärken
  • Gesundheitskompetenz in die Versorgung von Menschen mit chronischer Erkrankung integrieren
  • Einen gesundheitskompetenten Umgang mit dem Krankheits- geschehen und seinen Folgen ermöglichen und unterstützen 

  • Fähigkeit zum Selbstmanagement von Menschen mit chronischer Erkrankung und ihren Familien stärken
  • Gesundheitskompetenz zur Bewältigung des Alltags mit chronischer Erkrankung fördern
  • Die Forschung zur Gesundheitskompetenz ausbauen 

Jeder Zweite fühlt sich überfordert

Wie Menschen eigenverantwortlich mit ihrer Gesundheit umgehen können, ist ein Thema, das Wissenschaft und Politik seit einigen Jahren zunehmend beschäftigt. Eine repräsentative Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2016 zeigt: Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich von der Informationsflut zu Gesundheitsthemen überfordert. Rund 44 Prozent der Deutschen weisen eine eingeschränkte und weitere zehn Prozent sogar eine unzureichende Gesundheitskompetenz auf.

Noch schlechter fielen die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) aus. Demnach haben nur sieben Prozent der gesetzlich Krankenversicherten eine ausgezeichnete Gesundheitskompetenz. Bei fast 60 Prozent der Befragten ist der Kenntnisstand dagegen problematisch bis unzureichend. Ein ähnliches Bild zeigt sich im Themenbereich Prävention (problematisch und unzureichend: 59,6 Prozent). Etwas besser sieht es bei der Krankheitsbewältigung aus: Hier haben rund 46 Prozent der Befragten Probleme beim Finden, Verstehen, Beurteilen und Umsetzen von Informationen.

Internationale Studien zeigen, dass eine unzureichende Gesundheitskompetenz in der Regel gesundheitliche und finanzielle Folgen hat. Die Betroffenen legen ein risikoreicheres Gesundheitsverhalten an den Tag und nehmen Angebote zu Prävention wie Früherkennung weniger in Anspruch. Diagnosen werden später gestellt, die Patienten zeigen eine geringere Therapietreue, schlechtere Selbstmanagement-Fähigkeiten und haben ein erhöhtes Risiko für Krankenhausaufenthalte. Hinzu kommen eine schlechtere physische und psychische Gesundheit, ein höheres frühzeitiges Sterberisiko sowie höhere Behandlungs- und Gesundheitskosten.

Die AOK engagiert sich bereits seit Jahren

Infolge dieser Ergebnisse wurde die AOK schon vor Jahren aktiv. So entwickelte der AOK-Bundesverband gemeinsam mit Wissenschaftlern die AOK-Faktenboxen, die verlässliche Informationen über Maßnahmen wie Impfungen oder Röntgenaufnahmen bei Rückenbeschwerden anschaulich und allgemeinverständlich aufbereiten. Zudem hat die Gesundheitskasse eine Reihe von digitalen Angeboten zur Stärkung der Gesundheitskompetenz entwickelt.

So können Nutzer der APP AOK Gesundheitskompetenz ihre eigene Gesundheitskompetenz messen. Die App setzt einen Fragenbogen ein, der bei der großen europaweiten Befragung zur Gesundheitskompetenz verwendet wurde. Anhand der Antworten ermittelt die App den individuellen Grad der Gesundheitskompetenz und vergleicht ihn mit den Werten anderer Nutzer derselben Altersgruppe bzw. desselben Geschlechts. Die erhobenen Daten werden nicht weitergeleitet und verbleiben stationär auf der App. Persönliche Daten werden nicht erhoben. Erhältlich ist die App AOK Gesundheitskompetenz für Android-Geräte im Google-Playstore und für ios-Geräte im App Store.

Materialien zum Download:

Gesundheit fängt mit Lesen an

Über 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten. Das heißt: Sie können Texte nicht oder nur schwer lesen. Das hat oft auch Folgen für die Gesundheit. Ein Projekt der Stiftung Lesen und des AOK-Bundesverbandes soll helfen, die Gesundheitskompetenz dieser Menschen – Experten sprechen von Health Literacy – zu verbessern.

Weitere Informationen

Gesundheit fängt mit Lesen an

Gesundheit fängt mit Lesen an
Download des G+G Beitrags 06/18

„Health Literacy“ im internationalen Kontext

Weltweit bemühen sich viele Industrieländer schon seit Jahren um die Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerungen. Im Gesundheitswesen der USA und Kanadas ist das Thema fest verankert. Zahlreiche Handlungshilfen und Curricula zu Ausbildungszwecken in der Schul- und Erwachsenenbildung sind im Einsatz. Sowohl die USA (2010) als auch China (2014) haben nationale Aktionspläne zur Steigerung der "Health Literacy" verabschiedet. In Europa wurde 2010 das Netzwerk "Health Literacy Europe" gegründet.

IROHLA - Gesundheitskompetenz und Health Literacy in Europa

Abgeschlossen ist inzwischen das EU-Projekt IROHLA - "Intervention Research On Health Literacy among Ageing population". Es befasste sich mit der Steigerung der Gesundheitskompetenz bei älteren Menschen in Europa. Von Dezember 2012 bis Ende 2015 arbeiteten in dem Projekt 22 Partner aus neun verschiedenen EU-Mitgliedstaaten (unter anderem Belgien, Deutschland, Griechenland, Niederlande, Ungarn) zusammen mit dem Ziel, einen umfassenden Ansatz zur Steigerung der Gesundheitskompetenz bei der Generation "50 plus" zu entwickeln. 

Weitere Informationen zum Thema Health Literacy