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Interaktives Trainingsprogramm "DigiTrain" verbessert Reha-Nachsorge

(18.11.15) Kaum ein Gesundheitskongress, bei dem derzeit nicht die "Digitalisierung" beschworen wird. Im nordrhein-westfälischen Bad Driburg wird die Theorie jetzt in die Praxis umgesetzt. Dort profitieren Versicherte der AOK NordWest ab sofort von einem interaktiven, telemedizinischen Trainingsprogramm zur Reha-Nachsorge. Das bundesweit einmalige Forschungsprogramm "DigiTrain" ist aus dem Projekt Gesundheitscoach heraus entstanden und wurde in enger Zusammenarbeit von AOK NordWest, AOK-Bundesverband, dem Berliner Forschungsinstitut Fraunhofer FOKUS und der Marcus-Klinik entwickelt. "DigiTrain" wurde am Mittwochvormittag (18. November) in der Marcus-Klinik in Bad Driburg vorgestellt.

Nach dem Reha-Aufenthalt werden Patienten mit chronischen Rückenschmerzen drei Monaten lang durch einen interaktiven Therapeuten (Avatar) bei ihrem individuellen Training begleitet, um den Therapie-Erfolg sicher zu stellen. "Mit DigiTrain schaffen wir es besser, Therapieeffekte mithilfe digitaler Technik über die Sektorengrenzen hinweg abzusichern", betont Dr. Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention beim AOK-Bundesverband.

"Mit unserem neuen Programm wollen wir den Therapieerfolg unserer Versicherten in der Nachsorge von Rückenschmerzen nachhaltig sichern, ihre Gesundheitskompetenz stärken und die Lebensqualität verbessern", sagt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der AOK NordWest, Dr. Martina Niemeyer. Denn insbesondere bei der Rehabilitation von Patienten mit chronischen Rückenschmerzen kommt es darauf an, dass Übungen und Verhaltensweisen nach der stationären Betreuung regelmäßig weitergeführt werden. Doch viele Patienten fallen nach der Reha schnell wieder in alte, ungünstige, bewegungsarme Lebensgewohnheiten zurück.

Technische Ausrüstung für zu Hause

An dieser Stelle setzt "DigiTrain" an. "Unsere Versicherten erhalten bereits in der Klinik ein individuelles, auf ihre persönlichen Beschwerden passgenau zugeschnittenes Trainingsprogramm für zu Hause", erläutert Forschungsprojektleiter Prof. Michael Tiemann von der AOK NordWest. Die Trainingseinheiten enthalten ausschließlich Übungen, die vom Klinikaufenthalt bereits bekannt sind. Das Training soll dann an zwei zu drei Tagen in der Woche zu selbst gewählten Zeiten durchgeführt werden. Dazu erhalten die Patienten technisches Equipment mit nach Hause - bestehend aus Rechner, Monitor und Kamera.

Der Avatar führt die Übungen am Monitor vor, motiviert zum Mitmachen und korrigiert falsche Bewegungsabläufe. Der Patient wird von der 3D-Kamera gefilmt und kann auf dem Bildschirm sehen, ob er seine Bewegungen synchron zum digitalen Therapeuten durchführt. "Das Training ist so programmiert, dass es sich an das Leistungsvermögen des Patienten anpasst und auf dessen Rückmeldung reagiert. Technisch besonders anspruchsvoll sind die Bewegungsanalyse und die unmittelbare Ausgabe der Bewegungskorrektur an den Übenden" erläuterte in Bad Driburg Dr. Michael John, stellvertretender Leiter des Kompetenzzentrums E-Health bei Fraunhofer FOKUS in Berlin.

Bei positiven Evaluationsergebnissen ist Ausweitung des Projektes geplant

Das Forschungsprojekt "DigiTrain" ist zunächst auf zwei Jahre angelegt und wird wissenschaftlich begleitet. Fällt die Evaluation positiv aus, soll das Programm auf andere Kliniken ausgeweitet werden. Einbezogen sind aktuell nur Versicherte der AOK NordWest. Die Kosten übernimmt die Kasse im Rahmen der ergänzenden Leistungen zur Rehabilitation. Die Investitionen könnten sich schnell amortisieren. Denn Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens gehören bundesweit zu den häufigsten Gründen für berufliche Fehlzeiten und medizinische Rehabilitation. Laut "Fehlzeiten-Report 2015" lag 2014 die durchschnittliche Ausfallszeit durch Muskel- oder Skeletterkrankungen bei knapp 17 Tagen. Rückenschmerzen gehören zu den kostenintensivsten Indikationen. Bundesweit belaufen sich die direkten und indirekten Kosten von Rückenerkrankungen jedes Jahr auf rund 40 Milliarden Euro.

Ergebnis gemeinsamer Forschungsarbeit unter dem Dach von "Connected Living"

Für Kai Kolpatzik vom AOK-Bundesverband ist das Forschungsprojekt "DigiTrain" nicht nur wegen des Sektoren übergreifenden Ansatzes von Bedeutung. Der Präventionsexperte freut sich auch darüber, dass die Arbeit des "Innovationszentrums Connected Living" in eine weitere praktische digitale Anwendung mündet. Seit 2009 entwickeln 50 Mitgliedsunternehmen und -organisationen gemeinsam innovative Lösungen für die intuitive und intelligente Heimvernetzung. Der AOK-Bundesverband gehört neben der Deutschen Telekom, dem Elektrogerätehersteller Miele, den Energieversorgern Vattenfall und EnBW sowie der Technischen Universität Berlin zu den Gründungsmitgliedern des Vereins und koordiniert die Tätigkeiten der Arbeitsgruppe Gesundheit.

Zu den bisherigen Hauptprojekten von "Connected Living" gehörte der "Gesundheitscoach". Unter der Konsortialführung des AOK-Bundesverbandes wurde der Prototyp eines neuartigen Gesundheitscoaches entwickelt, der verschiedene digitale Anwendungen zur Unterstützung präventiven Verhaltens vereint. Das Bundeswirtschaftsministerium hat das Projekt mit rund 2,4 Millionen Euro gefördert.

Der AOK-Bundesverband engagiert sich stark für die Entwicklung digitaler Präventionsinstrumente. Das Thema ist auch Schwerpunkt des Mitte August vorgelegten AOK-Präventionsberichts 2015.