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Mindestmengen im Krankenhaus! Ja, aber…

Foto: AOK im Dialog Mai 2017 - Podium

v.l.: Wolf Dietrich Trenner, Sabine Dittmar, Stefan Deges, Melanie Huml, Georg Baum, Martin Litsch

(01.06.17) Würden in Deutschland ähnlich strikte Mindestmengen gelten wie in Holland oder Dänemark, käme es auch hier zu deutlich weniger Komplikationen nach einer Operation. Davon ist die Wissenschaft überzeugt. So haben die Niederlande etwa durch die Einführung von Mindestmengen bei bestimmten Operationen die Sterblichkeit um 25 Prozent senken können. In Deutschland hingegen halten sich viele Kliniken selbst da nicht an Mindestvorgaben, wo sie gesetzlich vorgeschrieben sind. Für den Vorstandsvorsitzenden des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch ein unhaltbarer Zustand. "Wir brauchen mehr Rechtssicherheit und müssen die klare Datenlage auch in Deutschland einfach mal ernstnehmen", forderte Litsch auf dem Podium der Veranstaltungsreihe "AOK im Dialog" am Mittwoch (31.Mai).

Das Atrium des AOK-Bundesverbands in Berlin war gut gefüllt. Rund 100 Gäste konnte Moderator Stefan Deges, Geschäftsführer des Bibliomed-Verlages, in der Rosenthaler Straße begrüßen. Das Podium der Diskutanten war ebenso kompetent wie prominent besetzt. Aus München war die Bayrische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) angereist. Sabine Dittmar (SPD) war direkt nach der Sitzung des Gesundheitsausschusses aus dem Deutschen Bundestag herübergeeilt. Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Wolf Dietrich Trenner, langjähriger Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) und Gastgeber Martin Litsch komplettierten die Diskussionsrunde. "Mindestmengen im Krankenhaus - wirksames Instrument oder Papiertiger?", war das Thema der Debatte am frühen Mittwochabend.

Für den nötigen Diskussionsstoff sorgte eingangs Prof. Dr. Thomas Mansky von der Technischen Universität Berlin. Der Mediziner und Informatiker leitet dort das Fachgebiet Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen und hat eine Methode entwickelt, mit der jedes Krankenhaus ermitteln kann, wie hoch die Sterblichkeit bei jedem behandelten Krankheitsbild ist. Sein Fazit: Die verlässliche Umsetzung der Mindestmengenregelung erhöht die Behandlungsqualität signifikant. Die Erhöhung bestehender Mindestmengen und Ausweitung der Mindestmengenregelung auf andere Bereiche sei überfällig.  Und Mansky wusste seine Thesen mit aussagekräftigen Daten zu untermauern. So setzt etwa Holland seit 2011 insbesondere bei komplizierten aber planbaren Eingriffen wie OPs an der Bauchspeicheldrüse, der Speiseröhre oder bei Brustkrebs auf die konsequente Einhaltung von Mindestmengen. Gleichzeitig legen unsere Nachbarn die Latte bei Mindestmengen auch höher als in Deutschland. Ein Ergebnis der konsequenten Mindestmengenpolitik: Die Sterblichkeitsrate ist mit vier Prozent nur halb so hoch wie in deutschen Kliniken. Diesen Zusammenhang zeigen auch Analysen aus Großbritannien.


Mindestmengen und Versorgungsstrukturen in Deutschland

Mindestmengen und Versorgungsstrukturen in Deutschland
Der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Mansky zum Download

AOK im Dialog: "Lebensretter Erfahrung - Mindestmengen im Krankenhaus"

Was in der Luftfahrt längst gang und gäbe ist, steckt in den Krankenhäusern noch in den Anfängen: dass der Nachweis eines festgelegten Umfangs an Erfahrung erforderlich ist, um komplexe Eingriffe vornehmen zu dürfen. Bisher gibt es für sieben Operationen sogenannte Mindestmengen, also die Vorgabe einer Untergrenze an Eingriffen, die eine Klinik erreichen muss, wenn sie die Operationen vornehmen will. Wie wichtig diese Mindestmengen für die Patienten sind und wie sie sich auf die Qualität der Behandlungsergebnisse auswirken, zeigt der Film des AOK-Bundesverbandes.

Litsch: "Zusammenhang von Häufigkeit und Qualität ist vollkommen unstrittig"

Foto: AOK im Dialog Mai 2017 -  Trenner und Dittmer

v.l.: Wolf Dietrich Trenner, Sabine Dittmar

Folge der konsequenten Umsetzung von Mindestmengen in diesen Ländern ist ein Trend zur Bildung spezialisierter Zentren. Bezöge man die britische Kliniklandschaft auf Deutschland, so reichten für komplizierte Speiseröhre-OPs etwa 80 Zentren, die dann auch auf die angemessene Zahl von Mindesteingriffen kämen. In der Realität jedoch führen aktuell 416 Kliniken in Deutschland Eingriffe an der Speiseröhre durch und erreichten dabei oft nicht die vorgegebene Marge von zehn OPs pro Klinik und Jahr. Zum Vergleich: In Holland müssen es mindestens 20 sein. Überkapazitäten und ungelöste Strukturprobleme seien das Grundproblem des deutschen Krankenhausbereichs, argumentiert Mansky. Krankenhausstandorte und -größen seien überwiegend historisch bedingt und orientierten sich zu wenig am eigentlichen Bedarf.

DKG-Hauptgeschäftsführer Baum bekannte sich nach dem Vortrag zwar im Grundsatz zum Instrument der Mindestmengen als Qualitätsmaßstab. Es sei aber auch nur eines von vielen. Baum wünscht sich mehr Flexibilität und brachte die Idee eines „Korridors“ in die Diskussion ein, der es einer Klinik erlaube, um zehn Prozent nach unten von der Mindestvorgabe abzuweichen. Martin Litsch forderte dagegen mehr Verbindlichkeit. Zum einen bedeute ein solcher Korridor de facto eine weitere Absenkung der festgelegten Mindestmenge. Das dürfe allenfalls die Ausnahme sein. "Aktuell beträgt der Anteil der Ausnahmen aber 50 Prozent, nicht zehn Prozent", kritisierte der AOK-Chef und bekräftigte die Forderung nach mehr Rechtssicherheit. "Der Zusammenhang zwischen Eingriffshäufigkeit und Behandlungsqualität und damit Patientensicherheit ist doch vollkommen unstrittig."

Trenner: "Für meine Tochter wäre ich 250 Kilometer gefahren"

Foto: AOK im Dialog Mai 2017 - Baum und Litsch

v.l.: Georg Baum, Martin Litsch

Der Gesetzgeber mache sich mit den vielen Ausnahmeregelungen einen schlanken Fuß, monierte Patientenvertreter Wolf Dietrich Trenner. „Wir haben uns keine Ausnahmen gewünscht. Ausnahmenregelungen werden auch genutzt, wenn es sie gibt“, schilderte Trenner seine Erfahrung aus seiner langen Tätigkeit im GBA. Die Kreativität kenne da kaum Grenzen. Trenner ist Vater einer taublinden Tochter, die als Frühchen zur Welt kam und mittlerweile erwachsen ist. Den Ärzten mache er keine Vorwürfe. Sie hätten damals alles getan, was sie gekonnt und gewusst hätten. Sie hätten damals aber leider noch zu wenig gekonnt und gewusst. "Mindestmengen verringern das Risiko", weiß Trenner. "Die Charité entlässt heute kein blindes Kind mehr, das dort neonatologisch behandelt wurde." Die Politik müsse dem GBA strengere Vorgaben machen.

Genau das aber habe die Politik getan, wehrte sich Sabine Dittmar. Die Sozialdemokratin verwies auf der schwarz-roten Koalitionsvertrag von vor vier Jahren, der sich der Qualität verschrieben habe. Dort sei unter anderem festgehalten, dass der GBA sich stärker mit Mindestmengen auseinander setzen und beschäftigen müsse. Melanie Huml merkte an, dass es mitunter gar nicht so einfach sei, eine feste Grenze zu setzen. Bayern sei nicht überall gleich und Frühgeburten auch nicht planbar. Auch sie plädierte daher für mehr Flexibiltät. Für Huml als bayerische Gesundheitsministerin sei es wichtig, dass die Wege nicht allzu weit würden. Deswegen gebe es in ihrem Bundesland Regelungen, wo die Spezialisten in Klinikverbünden mehrere Häuser betreuten.

Patientenvertreter Trenner konnte dieser Linie nicht folgen. Es komme nicht darauf an, dass die Ärzte herumfahren, sondern, dass Patienten ins richtige Krankenhaus kommen. "Ich wäre damals für meine Tochter 250 Kilometer und mehr gefahren", entgegnete er den Vorschlägen aus dem Freistaat. Martin Litsch sorgt sich auch deshalb langfristig um den Klinikstandort Deutschland. "Nachbarländer wie Holland, Dänemark oder Österreich drohen uns qualitativ abzuhängen. Dass kann auch den Krankenhäusern in Deutschland nicht gefallen."