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AOK im Dialog: Wirtschaftlichkeit ist eine Frage der therapeutischen Situation

Foto: AOK im Dialog Totale

(28.04.16) Bis Ende September 2016 soll der Kabinettsentwurf für für ein "Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung" (AM-VSG) vorliegen, das die Ergebnisse des Pharmadialogs der Bundesregierung umsetzt. Was ist ein fairer Preis? Wie öffentlich dürfen Preise sein? Und wie viel muss ein Arzt davon wissen, um wirtschaftlich zu verordnen?  Im AOK-Bundesverband wurden die Ergebnisse des Pharmadialogs in einer hochkarätig besetzten Runde diskutiert.

Eigentlich hat nur Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe gefehlt. Ansonsten war alles, was in der Gesundheitspolitik Rang und Namen hat, ins Atrium des AOK-Bundesverbandes in der Rosenthaler Straße gekommen. Birgit Fischer, die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) sowie die beiden Gesundheitspolitiker Michael Hennrich (CDU) und Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD). Der eine ist Berichterstatter der Union im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages für den Bereich Arzneimittelversorgung, Apotheken und IQWiG. Der andere stieg zu Beginn der laufenden Legislaturperiode vom gesundheitspolitischen Sprecher der Sozialdemokraten zum stellvertretenden Fraktionschef im Bundestag auf. Und natürlich: Martin Litsch, seit Anfang des Jahres Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes.

Foto: Birgit Fischer und Martin Litsch

Birgit Fischer und Martin Litsch

Schnell kam das Gespräch auf den aktuellen Vorschlag zur Preisregulierung hochpreisiger Arzneimittel, und Litsch setzte einen ersten Punkt. "Eine Umsatzschwelle für hochpreisige Arzneimittel oberhalb von 250 Millionen Euro ist ungefähr genauso, als ob Sie in der Tempo-30-Zone nur bei Autos ab 500 PS die Geschwindigkeitsüberschreitungen ahnden", hielt der Verbandschef Birgit Fischer entgegen. Zuvor hatte Fischer eine zu niedrige Umsatzschwelle als "Strafzoll für Innovationen" bezeichnet. Für Litsch ist eine Umsatzschwelle nur sinnvoll, wenn sie nicht allzu hoch angesetzt wird. Aktuell wären lediglich drei Medikamente betroffen, wenn es eine Umsatzschwelle von 250 Millionen Euro gäbe. Die Idee einer Umsatzschwelle für hochpreisige Arzneimittel war ein Ergebnis des Pharmadialogs, um die Kosten bei den Arzneimittelausgaben zu begrenzen. Demnach würde der zwischen Hersteller und gesetzlichen Krankenkassen ausgehandelte Erstattungsbetrag bereits vor Ablauf des ersten Jahres nach Zulassung gelten, wenn ein Präparat nach kurzer Zeit diesen Höchstumsatz übersteigt.

Foto: Michael Hennrich

Michael Hennrich

Deutliche Kritik an der Umsatzschwelle kommt von der deutschen Ärzteschaft und Wolf-Dieter Ludwig. Ein solcher Schwellenwert sei für behandelnde Ärzte nicht verständlich und praktikabel, monierte der Onkologe und Chefarzt des HELIOS-Klinikums Berlin-Buch. Bei der Diskussion sei der ärztliche Sachverstand leider nicht gefragt gewesen. Nicht jeder Preis sei durch den Nutzen eines Medikaments gerechtfertigt und umgekehrt. "Es gibt Medikamente, die 5.000 oder 6.000 Euro kosten, aber nicht gebraucht werden", erklärte der Kommissionsvorsitzende. Andere wiederum kosteten nur wenige hundert Euro mehr als ein anderes Arzneimittel, seien aber deutlich wirksamer.

Foto: Prof. Dr. Karl Lauterbach

Prof. Dr. Karl Lauterbach

Lauterbach freute sich jedoch über mehr Transparenz und Einblick in die Bewertungsberichte des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) für die Ärzte. Das merkte auch Wolf-Dieter Ludwig positiv an. Es könne nicht sein, dass dieser Informations- und Wissensschatz weiter brach liege. Umso unverständlicher ist für Lauterbach der Plan, die zwischen Pharmaunternehmen und gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) verhandelten Erstattungspreise wieder vertraulich zu halten. Das sei der falsche Weg.

Es überrascht wenig, dass Birgit Fischer die Rückkehr zu vertraulichen Preisen für genau den richtigen Weg hält. Die Veröffentlichung der verhandelten Preise löse Effekte aus, die niemand so gewollt habe. Hintergrund: Der deutsche Arzneimittelmarkt gilt für viele Länder als Referenz für die eigene Preisgestaltung bei Arzneimitteln. Das Dilemma der Arzneimittelhersteller: Sie werden in anderen Ländern, insbesondere in Europa, kaum höhere Preise aufrufen können als die in Deutschland mit der GKV verhandelten. Der deutsche Markt habe jedoch, so die vfa-Hauptgeschäftsführerin, aufgrund seiner Größe andere Voraussetzungen.

Foto: Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig

Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig

Unionspolitiker Hennrich stützte an dieser Stelle die Position der Pharmabranche. Die Referenzierung setze das System unter Druck. Die  Rückkehr zur Vertraulichkeit sei eine pragmatische Lösung und schaffe die notwendige Flexibilität. Kein wirklich neues Argument, fand Hennrichs Koalitionskollege Karl Lauterbach.  Ärzte müssten die Preise kennen. "Ich bin im Großen und Ganzen mit den Ergebnissen der Preisverhandlungen zufrieden!, bekannte der SPD-Bundestagsabgeordnete. Auch Prof. Ludwig unterstrich die maßgebliche Verantwortung der Ärzte für eine wirtschaftliche Verordnungsweise.

Contra von Birgit Fischer: Gerade weil der Arzt sich darauf verlassen könne, dass der ausgehandelte Preis wirtschaftlich sei, müsse er den konkreten Preis nicht kennen. Das war der Moment, in dem der Gastgeber Martin Litsch seinen zweiten Punkt setzte und auf ein weit verbreitetes Missverständnis aufmerksam machte. Die Wirtschaftlichkeit eines Arzneimittels habe in den seltensten Fällen etwas mit dem Preis zu tun, sei immer auch abhängig von der therapeutischen Situation. Gerade deshalb seien Transparenz sowie indikationsbezogene und auch regionale Vereinbarungen richtig und wichtig, so Litsch. "Wenn Sie in Grönland wohnen und sich einen preiswerten Kühlschrank gekauft haben, ist das noch lange nicht wirtschaftlich, wenn Sie eigentlich eine Heizung gebraucht hätten", resümierte der AOK-Verbandschef.