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Warum sich Kunst mit Fahrtwind verträgt

Bundesweiter Startschuss für "Mit dem Rad zur Arbeit" in der documenta-Stadt

Foto: Zwei Radfahrer

(04.05.17) Radfahren ist keine Kunst. Und das leiseste, gesündeste und innerorts sogar schnellste Verkehrsmittel war bislang viel seltener ein Sujet für Bildhauer, Konzeptkünstler und Maler als das Auto. Wenige Ausnahmen von Duchamp bis Ai Weiwei bestätigen die Regel. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und die AOK – Die Gesundheitskasse setzen beim Bundesauftakt von "Mit dem Rad zur Arbeit" trotzdem auf die Nähe zwischen Rad und Art, denn die Gesamtarchitektur der documenta 14 erschließt sich tatsächlich am besten auf dem Sattel. Doch vor allem sollen Alltagsmobilität und Nahverkehr gestärkt werden.

An mindestens 20 Tagen von Mai bis August 2017 ins Büro oder zur Werkbank, ob in der Gruppe oder solo, wobei auch Teilstrecken möglich sind und es auf geleistete Kilometer ohnehin nicht ankommt: Dieser Zuschnitt der langjährigen Kampagne bleibt unverändert. "Schließlich hat sich das einfache Konzept bewährt, und wir wollen es den Arbeitnehmern so leicht wie möglich machen. Der Anmeldeprozess dauert höchstens drei Minuten. Zudem sind die geforderten Aktionstage auch für Teilzeitkräfte, Gelegenheitsradler und trotz der Sommerferien für jeden machbar", meint Burkhard Storck, Geschäftsführer des ADFC-Bundesverbandes. Allein im vergangenen Jahr haben sich deutschlandweit ca. 154.000 Teilnehmer registriert, über 1,9 Mio. Menschen seit Beginn der Aktion. Dieser Zuspruch soll 2017 noch einmal gesteigert werden. Wieder werden gesponserte Einzel- und Teampreise im Wert von 150.000 Euro verlost, darunter eine Ballonfahrt und Städtereisen. "Am Ende zählt jedoch, dass Radfahren nicht nur ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist, sondern auch nachweislich – sofern regelmäßig betrieben – die Widerstandkräfte stärkt und sogar Fehlzeiten verringert", so Stork weiter.

Die Ordnung der Dinge

All das kann Dr. Michael Karner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Hessen, nur bestätigen: „Das kardiovaskuläre Risiko und der Bluthochdruck liegt bei Viel- und Alltagsradlern nachweislich niedriger. Radfahrer leben im Durchschnitt – so zeigen es skandinavische Studien – länger, vor allem leben sie gesünder.“ Hinzu kommt: Beim Radfahren ordnen sich die Gedanken. „Wer auf dem Sattel sitzt, schaut nicht auf sein Smartphone, sondern in die Landschaft – und räumt dabei automatisch seine Gedanken auf.“ Gleichwohl, so Karner, sei Radfahren weder Lifestyle noch Ausdruck einer Weltanschauung, sondern ganz einfach die entspannteste Art, um den Arbeitstag zu beginnen oder ausklingen zu lassen. Beim Bundesauftakt in Kassel betonte er, dass sich der Blick auf dem Rad auch für Kulturelles weite. Auf der in wenigen Wochen beginnenden documenta 14 in Kassel könnte per Pedale schlicht mehr Kunst rezipiert werden.

Fakten zu "Mit dem Rad zur Arbeit" 2017

  • Erstmalige Erprobung: 2001 im bayerischen Günzburg
  • Als bundesweite Kampagne: seit 2004
  • Teilnehmerzahl 2016: 154.000 Personen (bundesweit), davon 30 Prozent zum erste Mal
  • Aktionszeitraum: 1. Mai bis 31. August
  • Anforderung: Nachweis von mindestens 20 Radtagen auf dem Online-Aktionsbogen
  • Durchschnittliche Kilometerzahl (einfache Fahrt): acht Kilometer
  • Anmeldung: Neben Einzelpersonen können auch Teams mit bis zu vier Personen mitmachen die nicht zwangsläufig zusammen fahren müssen.

Kopf und Körper

Allerdings müsse man hierfür trotzdem immer wieder absteigen. Noch gäbe es kein Werk, das sich im langsamen Vorbeifahren erschließen ließe, so Annette Kulenkampff, Geschäftsführerin der documenta 14 und diesjährige Schirmherrin von "Mit dem Rad zur Arbeit": "Allerdings sind die Zeiten längst vorbei, in denen Kunst ausschließlich mit dem Kopf wahrgenommen wurde. Die documenta mit ihrem Konzept der Verbreitung im Stadtraum bezieht auch die Körper der Besucher und Besucherinnen mit ein. Wir empfehlen allen, die Spaß daran haben, die Ausstellung mit dem Fahrrad zu erleben und werden hierfür eine flächendeckende Infrastruktur schaffen." Bei der documenta ginge es schließlich darum, Neues auszuprobieren und Gewohnheiten zu hinterfragen. "Das schließt auch die Fortbewegungsmittel ein. Fahrräder wurden in Kassel während der letzten documenta schon gern benutzt, um die Distanzen im Stadtraum flexibel und umweltschonend zurückzulegen."

Mit dem Rad zum Schiff

Nach Wortbeiträgen von Stork, Karner und Kulenkampff sowie einer Diskussionsrunde, an der auch Stadtbaurat Christof Nolda und Holger Schach (Geschäftsführer Regionalmanagement Nordhessen) mitwirkten, rundete eine kleine Radtour mit 50 geladenen Gästen den Bundesauftakt ab. Vom Kulturbahnhof führte die Strecke zur Plastik "Das Traumschiff Tante Olga" (documenta 6) von Beuys-Schüler Anatol auf dem Außengelände der Heinrich-Schütz-Schule und wieder zurück.